ZEITSCHENKER GESUCHT

IMMER MEHR MENSCHEN MÖCHTEN ZUHAUSE STERBEN: AMBULANTER HOSPIZDIENST HERNE STARTET AM 5. MÄRZ EINEN NEUEN VORBEREITUNGSKURS FÜR EHRENAMTLICHE STERBEBEGLEITUNG

„Zeitschenker gesucht!“ Mit diesem Aufruf richtet sich der Ambulante Hospizdienst Herne an alle, die Interesse an ehrenamtlicher Sterbebegleitung haben. Am Donnerstag, 5. März, beginnt ein neuer Vorbereitungskurs, der Bürgerinnen und Bürger mit dieser Tätigkeit vertraut macht. Alle Kurseinheiten finden in den Räumen des Ambulanten Hospizdienstes, Bahnhofstraße 137, 44623 Herne statt. 

Alle aktuellen Termine Vorbereitungskurs 2020 als pdf zum Download.

Weitere Informationen über die Arbeit des Hospizdienstes

„Der Bedarf an ambulanter Sterbebegleitung ist deutlich gestiegen, immer mehr Menschen möchten zuhause sterben. Wir benötigen deshalb dringend Verstärkung“, sagt Karin Leutbecher, die mit zwei weiteren Koordinatorinnen derzeit rund 60 ehrenamtliche Sterbebegleiter betreut. „Für den Start unseres Vorbereitungskurses brauchen wir weitere Anmeldungen.“ Die Teilnahme am Kurs ist kostenfrei.

Der Vorbereitungskurs im Januar richtet sich an Frauen und Männer, die sich vorstellen können, im Zuhause eines Betroffenen, im Heim oder im Krankenhaus in der ehrenamtlichen Sterbebegleitung tätig zu sein. Im Verlauf des Kurses geht es darum, eigene Erfahrungen zu reflektieren und sich auf eine ehrenamtliche Tätigkeit in der Begleitung schwerkranker, sterbender und dementer Menschen und ihrer Angehörigen vorzubereiten. Die Anmeldung zum Kurs erfolgt nach einem persönlichen Vorgespräch mit einer der Koordinatorinnen.

Unter dem Motto „Weniger Theorie am Anfang, dafür früher in die Praxis“ wurde der Kurs grundlegend überarbeitet. Ab sofort findet der Einstieg in die Praxis bereits nach einem achtwöchigen Grundkurs mit rund 24 Ausbildungsstunden plus Vorbereitungsgespräch statt. Danach werden die neuen Ehrenamtler durch Reflexionstreffen mit erfahrenen Ehrenamtlichen engmaschig unterstützt. Zur Vertiefung absolvieren sie parallel zur hospizlichen Begleitung weitere Fortbildungen bis zum Kursende im Dezember 2020.

Mehr Informationen und Anmeldung zum Gespräch:
Telefon 02323 988 290 – info@ahpd-herne.de
Facebook www.facebook.com/DIEZEITSCHENKER

MOMENTE, DIE MICH GLÜCKLICH MACHEN

DEM LEBEN SINN UND VERANTWORTUNG GEBEN: WIE DIE EHEMALIGE KITA-LEITERIN GABRIELE RIDDERMANN IM RUHESTAND ZUR „ZEITSCHENKERIN“ WURDE

Frau Riddermann, wie wurden Sie ehrenamtliche Sterbebegleiterin beim Hospizdienst?

Gabriele Riddermann: Nach dem Tod meiner Mutter, die ich lange Zeit und gern im Heim begleitet habe, fiel ich in ein Loch. Ich las, machte schöne Reisen, aber das reichte nicht. Ich suchte etwas, das meinem Leben Sinn und Verantwortung gab. Als Leiterin einer Kindertagesstätte in Herne hatte ich über Jahrzehnte mit Kindern zu tun. Diese Zeit war für mich vorüber. Da fand ich über einen Kontakt zum EvK Herne zum Ambulanten Hospizdienst. 2017 habe ich den Vorbereitungskurs absolviert. Seit 2018 arbeite ich im Hospizdienst mit. Meine erste Sterbebegleitung war ein Mann, der bereits nach 14 Tagen starb. Die zweite Begleitung endete bereits nach drei Treffen. Die dritte Begleitung – eine Frau nach Schlaganfall – begann im Mai 2018 und dauert bis heute an. Ich mag mir kaum vorstellen, wie es sein wird, wenn sie einmal nicht mehr ist.

An welches Erlebnis erinnern Sie sich besonders gern?

Im Pflegeheim meiner Mutter habe ich erfahren, wie viele Bewohner völlig allein sind, ohne Angehörige oder Menschen, die sich interessieren. Niemand sollte im Heim allein sein, deshalb engagiere ich mich dort. Einmal besuchte ich mit der Dame, die ich jetzt begleite, ein Café. Ich bestellte ihr einen Kakao mit Sahne, und sie sagte: „Das habe ich noch nie getrunken.“ Das war für mich unbegreiflich. Sie hat den Kakao so intensiv und so sinnlich genossen, dass ich diesen Moment nie mehr vergessen werde.

Wie schaffen Sie einen Ausgleich zu Ihren Erfahrungen in der Sterbebegleitung?

Nach jedem Besuch reflektiere ich mich, hinterfrage die Situation und schreibe in einer Art Tagebuch auf, was war. Vieles in der Begleitung geht mir nahe, durch das Schreiben  jedoch baue ich Distanz auf und kann die Situation von außen in Ruhe betrachten. Zuweilen lese ich in den alten Aufzeichnungen nach und erinnere mich.

Was haben Sie im Ehrenamt gelernt?
Ich habe gelernt, anhand von Mimik und Gestik zu spüren und zu verstehen, was Menschen sich wünschen, wenn sie nicht mehr sprechen können. Ich lese in ihren Gesichtern. Ich habe auch erfahren, dass Rituale helfen und Sicherheit geben. Ich lese ein Märchen vor, ich singe „So nimm denn meine Hände“, ich verabschiede mich immer mit den gleichen Worten. Dann sehe ich plötzlich ein Lächeln auf ihren Lippen.

Was ist Ihnen wichtig?

Die ambulante Sterbebegleitung hat mein Leben reicher gemacht. Ich empfinde Demut und Freude, wenn die Menschen mir so viel Vertrauen entgegenbringen. An Heiligabend habe ich mit der Frau, die ich begleite, an einem Weihnachtskonzert im Heim teilgenommen. Sie saß in einem Palliativstuhl, die Blaskapelle spielte Weihnachtslieder. Sie hielt meine Hand fest, ich sah, wie sie zur Musik lautlos die Lippen bewegte – mit einem zufriedenen Gesichtsausdruck. Da durchströmte mich ein wohliges, warmes Gefühl. Solche Momente sind es, die mich wirklich glücklich machen.